Heute möchte ich über die afrikanische Kultur sprechen, was grundsätzlich schon ein dummer Satz ist, da Afrika als Kontinent mit über 50 Ländern und mehr als 1,5 Milliarden nicht die eine afrikanische Kultur besitzt. Genauer gesagt, möchte ich eigentlich viel mehr über Traditionen sprechen. Warum sich diese ändern und die Diskussion einer Leitkultur in Österreich sinnlos ist. Ich habe lange überlegt ob ich mich diesem Thema annehmen sollte. Es ist nämlich weder afrikaspezifisch noch aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Es ist eine Thematik die uns alle jeden Tag über den Weg läuft und ob wir wollen oder nicht wir beeinflussen sie genauso wie sie uns beeinflusst.

Der Grund weshalb ich mich mit dieser Sache beschäftige ist die Tatsache, dass ich hier eine besondere Rolle innehabe. Ich habe die Möglichkeit eine andere Kultur mit dem Blick eines Außenseiters zu beobachten. In meinen Monaten die ich schon hier bin, habe ich schon eine ziemlich große Bandbreite von Kunst und Kultur mitbekommen. Z.B. in Kampala ein zeitgenössisches Musikfestival mit internationalen Künstlern und hier in Karamoja traditionelle Tänze und Musik. Wenn man Europäer nach der „afrikanischen Kultur“ fragt, dann kommt zweiteres als Antwort vermutlich zuerst. Und ja es ist auch Teil dieser Kultur.

Doch eben nur ein Teil und auch dieser entwickelt sich weiter. Die traditionellen Kleidungen, sind jetzt auch schon mit Tanktops von bekannte Modeketten kombiniert. Dazu wird manchmal barfuß, manchmal aber auch mit Sneaker getanzt. Stört das irgendwen? Nein ich glaube nicht. Das übertriebene festhalten, an alten Traditionen ohne ihnen Raum zu geben weiterzuwachsen, hält Traditionen nicht am Leben, sondern tötet diese total ab. Nehmen wir mal die österreichische Tradition des Jodelns. Was viele als lächerliches Überbleibsel einer vergangenen Zeit von Sound of Music abwimmelt, ist eine typische alpenländische Tradition. Heutzutage in seiner Urform kaum mehr in Massenmedien vorhanden, möchten vermutlich die wenigsten Österreicher:innen auf diese Tradition reduziert werden. Aber es gehört dennoch zu uns, weshalb auch in manchen zeitgenössischen österreichischen Liedern, (Ansätze der) Jodeltradition erkennbar ist (z.B. bei Pizzera & Jaus – die gedanken san frei ). Genau das macht Kultur aus. Es ist kein statisches Ding, was man in ein Museum steckt und sich die nächsten 100 Jahre anschauen kann. Kultur ist etwas flexibles was sich immer wieder verändert und neu erfindet. Auch hier in Uganda hört man in modernen Liedern oft Trommeln und Rhythmen die an traditionelle „afrikanische“ Musik erinnert. Ebenso haben viele Lieder aus der USA typische Countryelemente in sich. So werden manchen Dinge weiterentwickelt und manche bleiben gleich. Dies geschieht aber nicht aus einem Zwang heraus, sondern entwickelt sich ganz natürlich.

So ist – besonders hier in der ländlichen Region Karamoja – traditionelle Musik und Tänze immer noch ein wichtiger Teil der Kultur. Doch nicht weil diese irgendwo festgeschrieben wurde, sondern weil die Leute hier diese Tradition wertschätzen und sie fortführen. Das ist das Schöne an Traditionen. Wenn genügend Leute eine Tradition gut finden und sie fortsetzen, wird diese auch weitergelebt. Nicht umsonst haben selbst viele Atheisten in Österreich jedes Jahr einen Weihnachtsbaum bei sich zuhause stehen. Das bedeutet nicht, dass sie auf einmal spirituell werden aber auch nicht, dass jemand diese Tradition aufzwingt. Sie machen es aus freien Stücken. Genauso kann und soll Tradition gelebt und auch weiterentwickelt werden. So zieren viele Weihnachtsbäume heutzutage nicht nur Strohsterne sondern Glaskugeln und Lametta. Auch das ist eine Weiterentwicklung von Kultur und Tradition. Ich habe bis jetzt aber noch keinen Aufschrei gehört, Kugeln oder Lametta zu verbieten.

Wie könnte man jetzt also eine „österreichische Leitkultur“ formulieren? Ich persönlich wüsste schon mal nicht, was ich dort reinschreiben sollte. So möge für manche Blaskapellen ein wichtiger Bestandteil der österreichischen Kultur sein, ich als Städter könnte vermutlich leicht darauf verzichten. So hat jede Person und jede Gruppe andere Vorstellungen, welche Traditionen und Gepflogenheiten wichtig und „erhaltenswert“ sind. Man kann Menschen nicht eine Kultur vorschreiben, doch genau das erwarten wir uns häufig im Bereich der Integrationspolitik. Wir haben Angst, dass „unsere“ Traditionen verloren gehen aber sind wir mal ehrlich, wenn uns diese Traditionen so wichtig sind, dann gehen sie auch nicht verloren. Denn solange Personen daran festhalten, sterben diese nicht aus. Das Problem besteht eher darin, dass wir bemerken, dass wir selbst und andere diese Traditionen nicht so pflegen wie wir es gerne hätten. Es ist häufig leicht bei anderen was zu sehen, was uns eigentlich auch bei uns selbst stört: Beschwerden dass die Innenstadt ausstirbt und dann bei Amazon kaufen. Sich an dem Kommerz von Weihnachten stören und schlussendlich doch selbst ‚zig Geschenke zu kaufen. Angst haben, dass Feste von anderen Religionen zum einem offiziellem Feiertag werden aber selbst glauben, dass Maria am 8. Dezember (Maria Empfängnis) schwanger geworden ist. Vielleicht sollten wir öfter mal in uns gehen und reflektieren, welche Traditionen uns wirklich wichtig sind und diese dann auch wertschätzen. Oft kommt die Angst vor anderen Kultur daher, dass man sich selbst in seiner nicht gefestigt fühlt. Es ist schwer, die „österreichische“ Kultur zu verteidigen, wenn man sich selbst nicht sicher ist, was das überhaupt bedeuten soll. Aber keine Angst, wenn wir eine Tradition und unsere Kultur wirklich schätzen, brauchen wir sie nicht zu verteidigen. Schon gar nicht mit einer „österreichischen Leitkultur“. Sie besteht und entwickelt sich von ganz allein weiter. Mit oder ohne dem Einfluss von anderen Kulturen. Da helfen weder Vorschriften noch Verbote, sondern eine gewisse Gelassenheit und Offenheit.