Jeder der wie ich schon Zeit in (Ost-)afrika verbracht hat, hat diesen Ausruf schon mal gehört. Ich höre ihn jeden Tag. Egal ob beim Einkaufen, beim Schlendern durch die Stadt oder bei einem Besuch eines kleinen Dorfs. Sobald man mich sieht, höre ich die Leute schon rufen: Mzungu!
Mzungu ([m̩ˈzuŋɡu]) ist ein Wort aus den Bantusprachen und bedeutet ursprünglich soviel wie „Wanderer“. Dieser Ausdruck wird in vielen Ländern, in denen auch Swahili gesprochen wird, verwendet. Heutzutage wird er für alle Personen genutzt, die augenscheinlich nicht aus Afrika kommen. Dabei ist es egal, ob ich aus Europa, Amerika oder Asien komme. Solange meine Hautfarbe anders ist, bin ich ein Mzungu.
So hat es sich hier eingebürgert, dass man Weiße so anspricht. Gerade in einer Region wie Karamoja, wo es nur sehr wenige Weiße gibt, ist es oft eine Sensation beziehungsweise etwas Außergewöhnliches wenn ein Mzungu das Dorf X besucht. Durch meine Hautfarbe falle ich natürlich auf. Egal wie sehr ich mich auf die Kultur einlasse, ich werde nie 100% dazugehören. Das ist schade, da ich gerne mal ein stiller Beobachter sein würde. Diese Möglichkeit ist mir durch mein Aussehen jedoch verwehrt. Ich bin, egal wo in Karamoja, immer unter Beobachtung und im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Und das führt uns zum eigentlichen Hintergrund des Wortes Mzungu. Hierbei geht es nicht etwa um die Bezeichnung für Leute mit anderer Hautfarbe, sondern um das sozio-ökonomische Bild welches damit verknüpft ist. Weiß sein bedeutet hier gleich wohlhabend zu sein, Einfluss zu haben und gebildet zu sein. Insofern ist der Ausruf Mzungu keine rassistische Bezeichnung, sondern viel mehr eine Bezeichnung einer Gruppe von Wohlhabenden. Dieses Bild ist auch nur schwer zu durchbrechen. Hier in der Region haben wir auf der einen Seite Geschäftsleute (meist aus China) die somit das Bild des „reichen“ Weißen untermauern. Auf der anderen Seite haben wir Personen wie mich, die im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten. Auch diese Leute kommen meist mit Geld und Einfluss. Es gibt hier kaum andere Beschäftigungen für Nicht-Ugander.
Vor einigen Wochen habe ich eine Außenstation der Pfarre Loyoro besucht: Locherep. Dort wurde unter anderem eine Schule mit Geldern aus Österreich errichtet. Als man mich dort sah, wurde ich als Geldgeber abgestempelt und dementsprechend behandelt. So haben die Schüler:innen der Schule ein Lied für mich vorgetragen, welches immer bei einem Besuch von Geldgebern gesungen wird. Darin wird besungen, wie dankbar sie für die Unterstützung und die Gelder sind. Ich habe mich während des gesamten Liedes sehr unwohl gefühlt, da ich keinen einzigen Cent zu verantworten habe. Selbst nach Erklärungen, dass ich hier bin, um mit dem Mill Hill Missionaries zu arbeiten und nicht um Geld für Projekte zu bringen, werde ich trotzdem als direktes Sprachrohr und Art „Vertreter“ des reichen Westens gesehen. Egal wohin ich gehe, man sieht mich als Mann mit Geld.
Dies führt auch zu einer allgemeinen hoch angesehenen Stellung in der Gesellschaft. Bei Veranstaltungen wo alle Personen stehen oder am Boden sitzen müssen, wird mir ein Sessel angeboten. Ich bin automatisch ein Ehrengast und werde auch meist in den Reden extra dankend erwähnt. Diesen Status kann ich mir nicht aussuchen und ich kann ihn auch kaum verändern. Selbst wenn ich erkläre, dass man sich für mich keine Umstände machen soll, so werde ich als Gast dennoch immer extra behandelt.
So ist das Wort Mzungu also oft auch mit einer großen Verantwortung verbunden. Ja, ich komme aus einem reichen Land und verdiene vermutlich mehr als die Meisten hier in der Region. Auch habe ich, abgesehen vom Geld, viele Möglichkeiten die den Leuten hier verwehrt sind. Freiheiten, soziale Absicherungen, Kontakte, Mitspracherechte usw. Ich bin hier absolut privilegiert gegenüber den Einheimischen. Dieses Wissen macht es noch schwieriger, zu erklären, dass ich nicht automatisch der Chef irgendwo bin und ich auch nicht alles weiß. Oft ist hier Feingefühl gefragt, um sensibel die Wirklichkeit anzunehmen und gleichzeitig nicht in den Wahn zu verfallen, dass man wirklich glaubt man selbst ist „besser“ nur weil man weiß ist.
So kann man, wenn man darüber nachdenkt, Mzungu fast als Kompliment sehen. Zumindest schreibt es einem viele Attribute zu, welche man nicht unbedingt besitzen muss. Gleichzeitig ist es aber eine Depersonifikation. Alle Mzungus werden gleichgestellt und gleich angesehen. So ist es manchmal auch anstrengend durch die Stadt zu gehen und alle rufen nur: Mzungu, Mzungu! ohne deinen Namen oder sonst etwas über dich zu wissen. So werden auch damit Erwartungen geweckt die ich nicht erfüllen möchte. So kann ich nicht jedem Geld geben oder anderweitig helfen. Auch möchte ich ungern am Markt mehr zahlen nur weil ich eine andere Hautfarbe habe. Ich persönlich versuche es als Privileg zu sehen. Dies gelingt mir nicht immer (oft bin ich auch nur genervt). Doch es ist immer gut im Hinterkopf zu behalten, dass Mzungu mehr bedeutet als nur weiß oder fremd zu sein. Das Wort ist verbunden mit Erwartungen, Hoffnungen und Klischees.
