Regen ist hier in Karamoja – einer sehr trockenen Region – eigentlich ein Segen. Lange haben wir gewartet, dass der Regen kommt. Oft zur falschen Zeit oder in der falschen Menge entscheidet die Regenmenge, ob die Menschen hier eine Ernte haben oder nicht. Man könnte durchaus sagen, dass Leben und Tod davon abhängt. Doch nicht nur auf die Landwirtschaft hat der Regen einen Einfluss, sondern auch auf die Straßen. Doch leider ist dieser Effekt nicht positiv. Da die meisten Straßen hier in Karamoja nicht asphaltiert sind, bemerkt man den Effekt auf die gesamte Infrastruktur hier sofort. Die roten Lehmpisten, die sonst schon eine Herausforderung sind, verwandeln sich in rutschige, tiefe Schlammbahnen. Für uns bedeutet das nicht nur längere Fahrzeiten oder schmutzige Schuhe – es bedeutet, dass ganze Lieferketten zusammenbrechen.

Ein anschauliches Beispiel: der Benzinpreis. Noch vor wenigen Wochen lag er bei knapp 5.000 UGX pro Liter (ca. 1,25€). Heute zahlt man über 10.000 UGX (ca. 2,50€) – wenn man überhaupt noch etwas bekommt. Inzwischen sind die Tankstellen leer und der Schwarzmarkt hat übernommen. Der Grund ist simpel und brutal zugleich: Die Tanklaster kommen nicht mehr durch. Die Straßen sind so schlecht, dass sie schlicht steckenbleiben oder gar nicht erst losfahren. Aber auch andere Güter wurden vorübergehend merklich teurer. Obst und Gemüse welches teils aus anderen Regionen kommt, haben einen merklichen Preisanstieg erlebt. Wir sind zwar sicher, dass dieser Effekt nur vorübergehend ist, aber es zeigt wie fragil das System hier ist.

Infrastruktur als Lebensader

Straßen sind weit mehr als Asphalt oder festgewalzte Erde. Sie sind die Adern, durch die das wirtschaftliche Blut einer Region fließt. Wenn diese Adern verstopfen, leidet der gesamte Organismus. Hier in Karamoja bedeutet das: keine Tanklaster, keine Warenlieferungen, steigende Preise für alles – vom Benzin bis zur Banane. Durch fehlende Alternativen bedeutet der Verlust von guten Straßen den Verlust jeglichen Warenlieferungen. Auch die geringe Anzahl an Alternativrouten macht diesen Umstand nicht besser. Politisch ist das ein Lehrbuchbeispiel dafür, warum Investitionen in Infrastruktur nicht als „Luxus“ oder „Nice-to-have“ betrachtet werden dürfen. Sie sind die Grundlage für jede wirtschaftliche Entwicklung. Europa hat seine wirtschaftliche Stärke zu einem großen Teil dem massiven Ausbau von Straßen, Schienen und Häfen im 20. Jahrhundert zu verdanken. Die Autobahnen in Deutschland, die Schnellstraßen in Frankreich oder die dichten Bahnnetze in der Schweiz sind nicht nur Prestigeprojekte, sondern das Fundament für Handel, Mobilität und Wohlstand.

Hier in Uganda, besonders in abgelegenen Regionen wie Karamoja, ist die Realität eine andere. Selbst wenn Straßen existieren, sind sie oft nicht wetterfest. Ein paar Tage Regen genügen, und aus einer befahrbaren Piste wird ein Hindernisparcours. Das hat nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern auch sicherheitspolitische. Ich habe in den letzten Wochen mehrfach erlebt, wie Priester mit ihren Autos im Schlamm stecken geblieben sind. Mehr als einmal habe ich das Seil aus dem Kofferraum geholt, um sie mit meinem Wagen herauszuziehen. Manchmal standen wir knietief im Matsch, während der Regen weiter auf uns niederprasselte. Das mag im ersten Moment wie eine lustige Anekdote klingen (ist es auch), aber dahinter steckt ein ernstes Problem: Wenn selbst robuste Fahrzeuge nicht mehr durchkommen, was bedeutet das für kritische Infrastruktur wie Krankenwagen, Polizeifahrzeugen oder wichtige Essenslieferungen vom World Food Programm?

Direkte Auswirkung

Schlechte Straßen kosten nicht nur Geld, sie kosten auch Zeit und Nerven. Und Zeit ist in vielen Fällen ein entscheidender Faktor – sei es bei der Lieferung verderblicher Waren, beim Erreichen eines Krankenhauses oder beim Transport von Schülern zur Schule. Jede Stunde, die ein Fahrzeug im Schlamm feststeckt, ist eine Stunde, in der wirtschaftliche Aktivität stillsteht. Dazu kommt der Sicherheitsaspekt: Schlechte Straßen erhöhen das Unfallrisiko dramatisch. Ausweichmanöver um tiefe Schlaglöcher, rutschige Steigungen oder unübersichtliche Kurven führen immer wieder zu Unfällen. In der Regenzeit ist es keine Seltenheit, dass Fahrzeuge umkippen oder von der Fahrbahn rutschen. Diese Belastung erhöht auch die Wahrscheinlichkeit von Schäden am Auto. Im letzten Monat sind beide Autos unserer Pfarre kaputt gegangen. Einer ist von der Straße abgekommen und hat sich überschlagen – zum Glück ohne Verletzte. Der andere Wagen springt nicht mehr an – Verdacht ist: Wasser im Motor. So müssen beide Fahrzeuge also in die Werkstatt wobei man hier auch noch erwähnen muss, dass es lokal keine gute Werkstatt gibt, weshalb wir diese Fahrzeuge in die Hauptstadt bringen müssen. Nicht gerade leicht bei der Qualität der Straßen. Ein einziger Vorteil hat die Situation aber: da die Pfarre nun ohne Autos ist, ist auch das Problem der schlechten Straßen nicht mehr relevant.

Am Ende geht es nicht um Straßen im engeren Sinne, sondern um die Frage, wie wir Entwicklung verstehen. Infrastruktur ist die Grundlage für Bildung, Gesundheit, Handel und Sicherheit. Ohne sie bleibt jede andere Investition Stückwerk. Wenn Kinder nicht in die Schule kommen, Essenslieferungen nicht ankommen oder Kranke nicht ins Krankenhaus können, dann ist das ein riesiges Problem. Der aktuelle Sprung der Benzinpreise in Karamoja ist nur ein Symptom. Dahinter steckt ein strukturelles Problem, das sich nicht mit kurzfristigen Maßnahmen lösen lässt. Es braucht langfristige, politisch gewollte Investitionen – und den Mut, diese auch in entlegenen Regionen zu tätigen. Denn eine Region, deren Straßen im Schlamm versinken, versinkt auch wirtschaftlich und gesellschaftlich. Und das können wir uns – hier wie anderswo – nicht leisten.