Nachdem dieser Blog auch viel über meine Tätigkeiten berichtet, ist es doch verwunderlich, dass erst nach vier Monaten ein Beitrag zu meiner Arbeit erscheint. Viele fragen, verständlicherweise, was meine Aufgaben hier sind. Ich gebe zu, ich habe mich lange vor diesem Beitrag gedrückt – aus mehreren Gründen.

Beginnen wir mal am Anfang. Wie schon kurz im Finanzierungsbeitrag erwähnt, ist das Konstrukt meiner Arbeitsstelle etwas komplexer. Hier nochmal die Kurzzusammenfassung: Angestellt bin ich bei der österreichischen NGO horizont3000 die Teils Spendengelder, teils öffentliche Mittel der ADA (Austrian Development Agency) nutzt um Advisors (wie mich), in Länder des globalen Südens zu schicken. Dort arbeiten wir dann entweder für einen oder mehrere Projektpartner. In meinem Fall den Mill Hill Missionaries. So weit so gut. Inhaltlich wurde vor meinem Einsatz zwischen horizont3000 und den Mill Hill Missionaries die Rolle des Advisors festgelegt. So habe ich nun als schönen offiziellen Titel „Advisor for Organizational Development (Berater für Organisationsentwicklung)“ Für die 99% die sich darunter nicht wirklich was vorstellen können – willkommen im Club. Dieser Titel ist so schwammig wie man es sich nur vorstellen kann.

Wieso Berater?

Die Entwicklungszusammenarbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Früher war es Gang und Gäbe, dass Europäer nach Afrika geflogen sind, dort Projekte umgesetzt haben und wieder abreisten. Dies hat einige Probleme mit sich geführt. Es war auf jeden Fall nicht partnerschaftlich oder eine Kooperation auf Augenhöhe. Diese Art hat ganz klare neokoloniale Strukturen, wo Europäer glauben, sie können als weiße Helden Afrika vor der Armut retten. Gott sei Dank hat sich hier viel geändert. Der zweite Bereich, der auch mit meiner Beraterrolle zusammenhängt, ist ein Phänomen welches nach wie vor noch häufig zu sehen ist. Für ein finanziertes Projekt werden oft viele Ressourcen – auch im Bereich der Wissensvermittlung – zur Verfügung gestellt. Sobald dieses Projekt aber ausläuft, fehlt dieses Wissen häufig und die Fortschritte verschwinden. So wurden zahlreiche Brunnen errichtet, die ohne Wartung bald schon wieder kaputt wurden. Man hat vergessen, lokale Fachleute auf die Wartung auszubilden. Genau diese Situation möchte man in meinem Fall vermeiden. Hinter dem Begriff Berater steckt also vielmehr auch ein Trainer oder „Facilitator“. So soll ich Dinge nicht selbst umsetzen, sondern meine Projektpartner dabei unterstützen und ihnen mitunter andere/neue Wege aufzeigen. Dabei ist es wichtig, dass die Projektpartner selbst entscheiden, welchen Rat sie annehmen und welchen nicht.

Soweit zur Theorie – die sehr einleuchtet klingt. Die Praxis sieht aber etwas anders aus. Berater sein klingt im ersten Moment super. Man sitzt den ganzen Tag auf seinem fetten Hintern, gibt ein paar blöde Sprüche und Tipps ab und geht am Abend zufrieden ins Bett. Was vielleicht manche bei McKinsey und Co. wirklich so leben (und dabei noch fette Honorare abkassieren) klingt erstmal schräg. Ich bin auch nicht wirklich die Person, die nur daneben sitzt und nichts tut. Ich bin es gewohnt, viel zu arbeiten und mach das auch gerne. Aber ich habe in den letzten Monaten gelernt, mich zurückzuhalten. Dies ist auch der Grund, weshalb ich erst jetzt darüber schreibe. Die ersten Monate habe ich nicht viel „gearbeitet“, sondern beobachtet, mitgelebt und nachgefragt. Das schöne an meinem Einsatz von zwei Jahren ist, dass ich mir die Zeit für so etwas nehmen kann und muss. Die Geldgeber in Europa haben normalerweise nicht die Ressourcen, um tatsächlich strukturell ihre Projektpartner zu unterstützen. Diese Dinge brauchen Zeit und Geduld. Ich habe in der Anfangszeit oft Dinge gesehen, wo ich mir gedacht habe „Das muss ich sofort ändern!“. Doch diesem ersten Impuls muss man widerstehen. Dinge die im ersten Moment sinnlos erscheinen, ergeben bei längerer Betrachtung plötzlich Sinn. Dabei geht es nicht darum, Dinge schön zu reden, sondern wirklich zu verstehen wie die Leute, die Organisation und das Umfeld aufeinander wirken. Besonders in meinem Fall, wo die Projektpartner keine klassische NGO, sondern ein Orden ist. Ordensleben, kirchliche Strukturen und Projektarbeit gehen hier Hand in Hand. Man kann nicht das eine ohne das andere ändern. Nach gut vier Monate beginne ich langsam die Strukturen und die Gründe nachzuvollziehen. Oft sind diese nicht niedergeschrieben, sondern ergründen sich mir aus einer Unterhaltung zwischendurch. So gibt es zum Beispiel Zusammenhänge zwischen der Ausbildung der Priester und der Projektarbeit. All das sind Dinge, die man aber nur erkennt, wenn man hier lebt. Doch jetzt stellt sich die Frage: was nun? Ich bin schließlich nicht nur hier, um zu lernen (wobei dieser Anteil gigantisch ist). Meine (geplante) Arbeit für die nächsten 20 Monate lässt sich grob in zwei Bereiche einteilen.

1.Training

    Wie ich damals in Karamoja angekommen bin, hat mich der Regional Director von horizont3000 begleitet und mich den Mill Hill Missionaries vorgestellt. Dabei hat er folgenden Satz gesagt. Das Ziel ist, dass in zwei Jahren die Projektpartner gleich viel Wissen haben, wie der Berater. Natürlich ein hochgestecktes Ziel beschreibt es doch gut, worum es hier geht. Wissensvermittlung und Austausch. Das kann in Form von Gesprächen, Feedbackrunden, Workshops, Coachings, Trainings und und und passieren. Ich werde versuchen, soviel Wissen und Erfahrung wie möglich zu teilen. Dabei sind die Thematiken breit gefächert: Von Projektmanagement, über Marketing, Reporting, Kommunikation mit den Geldgebern, IT und so weiter. Alles was ich irgendwo aufgeschnappt habe, kann hier nützlich sein. Dabei bin ich weder ein allwissendes Orakel noch besser gebildet. Die Priester sind mir nach akademischem Titel alle überlegen. Aber ich habe einen Wissensschatz, den sie nicht haben. Einerseits aufgrund meiner europäischen Sichtweise aber natürlich auch aufgrund meines bisherigen Lebensweges. Wichtig bei der ganze Sache: Es geht um den Wissensaustausch. Dinge die in Europa funktionieren, können hier total schief gehen. So muss auch ich von ihnen lernen und hin und wieder Fehler machen.

    2.Moderator & Begleiter

    Der zweite Bereich ist, die Projektpartner auf ihrem Weg zu begleiten. Die Mill Hill Missionaries wissen selbst, welche Bereiche sie verbessern müssen und wollen. Manchmal fehlt dafür nur ein kleiner Schubs. Ich bin dafür da, sie während dieser Prozesse zu begleiten. Sei es als Moderator, als Feedbackgeber oder manchmal auch als Input für den nächsten Schritt. Manche Prozesse – vor allem wenn es um Thematiken wie Neustrukturierung von Organisationen geht – sind einfacher mit einem Externen, der Dinge sachlich analysieren und bewerten kann. Dieser Bereich ist um einiges komplexer als jetzt zum Beispiel einen Workshop zu einem Thema zu halten, aber er ist auch um einiges spannender da er bei Erfolg, nachhaltig Veränderungen mit sich bringen kann.

    So bin ich also das Mädchen für alles und nix. Mein Arbeitsalltag ist dadurch aber auch geprägt von Abwechslung. So gebe ich an einem Tag Feedback zu einem neuen Projektantrag, am nächsten plane ich einen Workshop zum Thema Projektmanagement und am dritten Tag erstelle ich einen Cloudspeicher für die Projektpartner. Besonders spannend ist dabei auch noch, dass ich nicht nur für die zwei Pfarren in Karamoja tätig bin, sondern auch für die gesamte Region Ostafrika. So ich eines der Ziele in meiner Zeit, dass ein „Development Desk“, also eine Abteilung bzw. ein Gremium für Entwicklungsprojekte aufgebaut wird. So arbeite ich nun auch mit den zuständigen Priestern in Nairobi zusammen. So ist immer für Abwechslung gesorgt…

    War es das jetzt mit meiner Arbeit? Nein, denn das war jetzt nur der offizielle Teil. Es gibt hier aber noch einen inoffiziellen Teil, der sich durch das Arbeiten und das Leben in einem Kloster ergibt. Hier kann man nicht nur Beraten, Planen und Strategien entwickeln. Manchmal muss man mitanpacken. Von Einkäufen in der nächsten Stadt, die Vorbereitung eines Festes, die Verteilung von Lebensmittel, die Unterstützung bei der Ernte. Wenn wichtige Dinge anstehen, dann helfen alle mit. So gab es auch schon Wochen, in welchen ich mehr Fahrer als Berater war – und das ist ok so. Prioritäten sind hier manchmal – verständlicherweise – anders. Wenn nach einer langen Trockenzeit wieder Hunger herrscht, dann ist jemand der Lebensmittel ins Dorf fahren kann nun mal nützlicher als jemand der über Projektmanagementtools redet. Wichtig ist bei meinem gesamten Einsatz immer. Ich bin nicht hier um meine Wünsche zu erfüllen. Ich bin hier um die Projektpartner zu unterstützen und manchmal bedeutet das, dass man Säcke mit Mais und Bohnen schleppen muss 😉