Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu und in Europa wird es kälter und der erste Schnee verzaubert die gesamte Landschaft. Hier in Karamoja sind die Jahreszeiten aber etwas anders. Während wir in Zentraleuropa vier Jahreszeiten haben, kennen viele afrikanische Länder nur zwei Einteilungen: Regen- und Trockenzeit. Auch hier in Karamoja durchlebt man jetzt zurzeit nicht den beginnenden Winter, sondern die Trockenzeit – zumindest sollte es so sein.

Karamoja ist grundsätzlich eine eher trockene Gegend. Es gibt eine große Regenzeit in den Monaten Juni – September. Diese Regenzeit ist somit auch die Zeit, in welcher die landwirtschaftliche Produktion ihre Ernte einfahren muss. Im restlichen Jahr kann aufgrund fehlender Feuchtigkeit nicht wirklich etwas angebaut werden. Doch natürlich muss auch diese Region mit veränderten klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Die Regenzeit ist nicht mehr so verlässlich wie früher und genauso verhält es sich mit der Trockenzeit. Der Dezember und der Jänner sollten eigentlich die heißesten und trockensten Monate des Jahres sein. In den letzten Wochen hat es aber öfter geregnet was viele hier verwirrt hat. Doch was kann man jetzt als Bauer tun? Gemüse aussähen mit dem Risiko, dass es ab morgen dann doch nicht mehr regnet, oder die Chance verpassen, vielleicht eine zweite Ernte einzufahren? Die meisten haben sich gegen die Aussaat entschieden (höchstens von schnell wachsendem Gemüse aber gegen Substanzielles wie Mais). Diese Entscheidung scheint auch richtig gewesen zu sein. Die letzten Tage waren nun um einiges trockener als die Wochen davor. Doch diese Unsicherheiten beschreiben gut das Problem in Afrika. Viele glauben immer noch, dass fehlender Regen zu Ernteausfällen und Hunger führt. Diese Analyse mag auf den ersten Blick auch richtig sein, doch greift sie zu kurz, um das Problem wirklich zu verstehen.

Fehlende Planbarkeit

Der erste Faktor, den ich schon kurz beschrieben habe, ist die fehlende Planbarkeit. Regen- und Dürrezeiten sind sehr unvorhersehbar geworden und oft ist das Zeitfenster einer (sinnvollen) Aussaat sehr klein. So kann zwei Wochen früher oder später schon eine große Auswirkung auf die Ernte haben. Ebenso sind Extremwetterereignisse auch hier in den letzten Jahren gestiegen. So sind Trockenzeiten nun um einiges länger und härter und in der Regenzeit kommen solche Unmengen Wasser, dass die Saat oft weggeschwemmt wird.

Abhängigkeiten

In Uganda sind ca. 2/3 aller erwerbstätigen Menschen in der Landwirtschaft tätig. Hier im ländlichen Karamoja sicher nochmal mehr. Auch für jene Personen, die andere Einkommensquellen haben, stellt die Landwirtschaft eine zusätzliche Absicherung des Haushalts dar. Dieser große Anteil führt jedoch zu riesigen Abhängigkeiten, da der größte Teil des Einkommens der Bevölkerung vom Erfolg der Ernte eines Jahres abhängt. So können ernteschwache Jahre nur schwer kompensiert werden. Ebenso ist durch den hohen Anteil an Eigenproduktion, die Möglichkeit des Imports kaum vorhanden. Grundsätzlich ist die Eigenproduktion und Unabhängigkeit ein Vorteil doch sobald die Ernte für alle ausfällt, wird es durch fehlende Infrastruktur und Gelder schwer, die Bevölkerung zu versorgen.

Anpassung

Der größte Faktor, der die Nahrungsunsicherheit hier verursacht, sind die fehlenden Anpassungsstrategien. Landwirtschaft war schon immer eine Sache, die oft vom Glück abhängig war. Im Gegensatz zu einer Fabrik gibt es viele Faktoren, die den Erfolg einschränken können. Viele Innovationen haben uns in den letzten Jahrzehnten jedoch geholfen, diese Risiken zu minimieren. Bewässerungsanlagen, genetisch angepasstes Saatgut, Dünger, Hagelnetze, Schädlingsmittel und und und. Oft ist uns nicht klar wie stark wir in den „natürlichen“ Prozess der Landwirtschaft eingreifen. Viele dieser Dinge sind hier in Uganda gar nicht oder nur vereinzelt vorhanden. Eine flächendeckende Bewässerung wäre z.B. eine riesige Unterstützung der lokalen Bevölkerung. Viele denken jetzt vielleicht, dass man so große Gebiete nicht bewässern kann, aber man muss sich nur ansehen, was in Spanien passiert. Spanien leidet und Wassermangel da sie über 50% ihrer landwirtschaftlichen Flächen inzwischen bewässern müssen. Ich möchte hier gar nicht diskutieren, ob diese Bewässerung sinnvoll oder notwendig ist, sondern nur aufzeigen, welche technologischen Möglichkeiten vorhanden sind. In Europa diskutieren wir meistens vom hohen Ross herunter und sagen, dass den Leuten nur das Wissen fehlt „richtig“ Landwirtschaft zu betreiben, vergessen dabei aber oft, wie investitionslastig Landwirtschaft inzwischen geworden ist. All die oben genannten Dinge, von Bewässerung über Dünger bis zu Schädlingsbekämpfung. Ohne diese Faktoren wäre Landwirtschaft in Europa kaum mehr möglich. Wieso glauben wir, dass dies in Afrika anders sein sollte. Wenn man wirklich mit dem eigenem Land „wirtschaften“ will, mit der Chance auf sozialen Aufstieg und nicht nur reinem Überleben müssen wir umdenken. Auch in Afrika ist (sinnvolle) Landwirtschaft mehr als nur Saatgut in den Boden schmeißen und auf gutes Wetter zu hoffen, auch wenn dies zurzeit oft das Einzige ist, was man hier machen kann.