Nach dem entsetzlichen Vorfall in Villach vergangene Woche fallen viele Medien aber auch Einzelpersonen in ein altbekanntes Muster. Gruppen von Menschen werden (entweder aufgrund der Staatsbürgerschaft oder der Religion) generalisiert und unter Generalverdacht gestellt. So hat der österreichische Innenminister verkündet, eine „anlasslose Massenüberprüfung“ aller Asylberechtigten, besonders denen aus Syrien und Afghanistan vorzunehmen. Abgesehen davon, dass diese Überprüfung rechtlich nicht haltbar, logistisch kaum umzusetzen und was noch viel wichtiger ist, absolut sinnlos ist, zeigt dieser Aufruf wieder einmal, wie schnell wir mit unserer Sprache die Realität beeinflussen können.

Entschlossen gegen Extremismus – egal in welcher Form – vorzugehen, ist von absoluter Wichtigkeit. Dabei ist es völlig egal ob es rechter politischer Extremismus oder religiöser Fanatismus ist. Wir haben in unserer Demokratie Gesetze, die ein friedvolles Zusammenleben ermöglichen und die gilt es auch zu achten. Doch diese Entschlossenheit zeigt sich nicht durch Aktionismus oder Populismus. Ich verstehe die Angst und den Schmerz nach solchen Vorfällen. Doch diese Gefühle werden dann häufig von Medien und/oder Politiker:innen ausgenutzt. Dabei ist es egal ob wir von Massenüberprüfungen, Grenzschließungen oder Abschiebungen sprechen. Der Kern der all diese Forderungen vereint, ist das Bild, welches seit Jahren verzerrt und ausgenutzt wird. Dazu empfehle ich jedem einmal folgende Übung. Stell‘ dir eine ausländische Person mit Asylstatus vor. Welche Attribute fallen die als erster ein? Vermutlich kommen solche Wörter wie: kriminell, religiös fanatisch, faul, usw. in den Sinn. Sollte dies zutreffen, herzlichen Glückwünsch, soeben bist du Opfer des typischen „framings“ geworden. Wir haben das stereotypischen Bild im Kopf, welches nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmt. Nicht alle sind kriminell aber auch nicht alle sind unschuldig. Die Gruppe von Asylberechtigten ist genauso heterogen wie die Gruppe von Österreicher:innen. Eine ganze Gruppe unter Generalverdacht zu stellen, weil einzelne Vertreter gewisse Verhaltensmuster zeigen, ist weder rechtlich möglich noch moralisch vertretbar.

So höre ich zum Beispiel nie den Aufschrei, alle Männer in Österreich einer „anlasslosen Massenüberprüfung“ zu unterziehen, wenn ein Mann wieder einmal seine Frau umbringt. Unser Rechtsverständnis und unsere Moral erlaubt diese Gruppenschuldweisungen normalerweise nicht – und das ist auch gut so. Doch wenn wir solche Phrasen verwenden, dann ist dies sehr gefährlich. Die Sprache ist nämlich einer unserer mächtigsten Waffen. Sprache schafft Realität. Wenn wir oft genug sagen, dass Asylanten gefährlich sind, dann werden das irgendwann auch alle glauben – ganz egal ob die Fakten das widerspiegeln oder nicht. Das subjektive Sicherheitsgefühl ist negativ beeinflusst. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit ist die Wortwahl wichtig. Der Wechsel von Entwicklungshilfe zu Entwicklungszusammenarbeit mag vielleicht ein kleiner sein, aber unterbewusst wissen wir, dass Hilfe etwas einseitiges und gönnerhaftes ist, wohingegen Zusammenarbeit viel mehr nach Gleichberechtigung auf Augenhöhe klingt. Auch sollten wir heutzutage davon wegkommen, Afrika als arm zu bezeichnen. Das stimmt einfach nicht. Doch wenn wir es immer wieder wiederholen, verfestigt sich immer weiter das Bild des „armen Afrikaner“ und des „reichen Europäers“. Unser Weltbild wird durch unsere Wortwahl und nicht durch Fakten geprägt. Eine reflektierte Sprache ist deshalb, vor allem in Bereichen mit vulnerablen Gruppen, von hoher Wichtigkeit. Das hat weder was mit „Wokeness“ noch mit „Genderwahn“ oder sonst was zu tun. Sprache beeinflusst unser Handeln. Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es in einer Diskussionsrunde sehr passend formuliert: „Sprache ist die Vorform des Handelns. Und wenn die Sprache einmal auf die schiefe Bahn gekommen ist, kommt auch sehr schnell das Handeln auf die schiefe Bahn. Und dann ist auch Gewalt nicht mehr fern. […]“

Zurzeit werden in den USA und auch in Deutschland und Österreich, Gelder für Entwicklungszusammenarbeit gekürzt. Gründe sind angeblich fehlende Gelder und die Tatsache, dass es in diesem Bereich schlechte und korrupte Projekte gibt. Und ja das stimmt. Korruption ist ein! Problem und auch nicht alle Projekte in der EZA sind sinnvoll oder nachhaltig. Aber alle Gelder einzustellen – sowie es die USA derzeit plant – nur weil es ein paar negative Vorfälle gibt, ist weder sinnvoll noch zielführend. Statt echter Reform wird auch hier wieder auf Populismus gesetzt. Wenn ein Projekt schlecht ist, sind sicher alle schlecht. Wenn ein Asylant kriminell ist, sind sicher alle kriminell. Das Muster wiederholt sich in der politischen Debatte immer wieder.

Sprache kann sehr destruktiv sein, sie kann aber auch die Basis von gutem Zusammenleben sein. Den typischen Asylanten gibt es nicht, genauso wenig wie es den typischen Afrikaner oder den typischen Österreich gibt. Wir sind alle Menschen mit einzigartigen Persönlichkeiten, kulturellen Hintergründen und Eigenheiten. Anstatt jeden unter Generalverdacht zu stellen, sollten wir wieder offener miteinander umgehen, das Gespräch suchen und uns eine Meinung über den Menschen machen und nicht über eine gesamte Menschengruppe. Das kann natürlich auch dazu führen, dass wir manchmal enttäuscht werden. So gibt es kriminelle Menschen in der Gruppe der Asylsuchenden genauso wie in der Gruppe der österreichischen Staatsbürger. Doch Angst und Ablehnung einer ganzen Gruppe gegenüber ist keine sinnvolle Reaktion. Ganz im Gegenteil. Sie schürt nur das Problem. Ich weiß nicht, wie ich mich als Asylsuchender die letzten Jahre in Europa gefühlt hätte. Überall wird einem vorgeworfen, das man Schuld an allen Problemen, egal ob Inflation, Extremismus, schlechte Krankenversorgung, Klimaprobleme und und und hat. Diese dauerhafte Ablehnung macht mit den betroffenen Menschen natürlich etwas. Der Grund weshalb immer mehr (vor allem junge Männer) sich irgendeiner Form des Extremismus hingeben, ist die Tatsache, dass sie sich immer weniger wie ein Teil der Gesellschaft fühlen. Und ja, das ist (auch) unsere Schuld. Wenn wir nur negativ über diese Gruppen sprechen, wie können wir tatsächlich eine langfristige Integration/Inklusion erwarten?

Wenn Sprache Realität schafft, dann möchte ich sie als Werkzeug des Zusammenlebens und nicht als Waffe gegeneinander einsetzen. In Villach konnte der Täter durch das beherzte Eingreifens von Allaaeddin Alhalabi (ebenfalls gebürtiger Syrer) schneller verhaftet werden und so vermutlich weitere Opfer verhindern. Er selbst sagt in einem Interview „Natürlich habe ich jetzt Sorge, dass die Menschen Schlechtes über uns denken, aber wir sind nicht so. Er ist nur einer von tausenden Syrern in Österreich.“ Doch der Gedanke des „bösen“ Ausländers ist tief in uns verwurzelt und nur schwer abzuschütteln. Allaaeddin Alhalabi wird jetzt sogar in der BILD als „Held“ deklariert, doch Aufrufe für eine „anlasslose Massendankbarkeit“ allen Syrern gegenüber, habe ich bis jetzt noch nicht vernommen.