Entwicklungszusammenarbeit (EZA) ist und war schon immer stark von Religion geprägt. So waren die ersten Missionare aus Europa vermutlich die Vorgänger für heutige Entwicklungshelfer. In Österreich ist die katholische Kirche mit ihren vielen Unterorganisationen (Caritas, Missio, Dreikönigsaktion, …) der größte private Geldgeber. Auch auf der Empfängerseite sind viele Projektpartner – so auch meine – eine Religionsgemeinschaft. Egal ob Christentum, Judentum, Islam, … ; Fakt ist, Religion ist allgegenwärtig. Doch dies wird sehr häufig – aus gutem Grund – kritisch betrachtet. Ich möchte hier nun ein paar meiner persönlichen Pro- und Kontrapunkte auflisten:
PRO
Starke finanzielle Ressourcen
Auf der Geberseite hat es eine etablierte Organisation wie z.B. die katholische Kirche in Österreich um einiges leichter, Gelder für Projekte zu lukrieren. Dabei spielt es natürlich eine große Rolle, das die sogenannten christliche Werte in Österreich sehr stark in allen Bevölkerungsschichten vertreten sind. Vor Wahlen wenn Parteien plötzlich wieder auf ihre (angeblichen) christlichen Werte hinweisen, wenn man in Schulen aufgehängte Kreuze entdeckt oder wenn man die eigenen Kinder doch taufen lässt, obwohl man selbst nie in die Kirche geht. Die Meisten werden es vermutlich nicht zugeben, aber unsere Leben in Österreich sind stark geprägt vom Christentum. Diese – vielleicht auch nur oberflächige – Verbundenheit erzeugt aber oft Synergie. Die Dreikönigsaktion der katholischen Jugend mit den Sternsingern ist vermutlich einer der spannendsten Erfolgsgeschichten. Niemals würde eine NGO mit vergleichbaren Projekten diese Summe als Spenden bekommen. Doch durch den persönlichen Kontakt und die Assoziation mit der Kirche, sind viele Menschen doch bereit, ihre Geldbörse und ihre Herzen zu öffnen. So kann man durchaus sagen, dass wir in Österreich viel Geld für die EZA der katholischen Kirche zu verdanken haben.
Langfristige Arbeit
Einer der größten Probleme in der Entwicklungszusammenarbeit ist die kurzfristige Planungssicherheit dessen Ursprung in der „Projektifizierung“ der Entwicklungszusammenarbeit liegt. Das heißt, dass fast alle Bemühungen als Projekte geplant werden, die meist eine Laufdauer von drei Jahren nicht überschreiten (wobei drei Jahre schon ein langer Zeitraum für diesen Bereich ist). Selten gibt es längere Projekte und auch wenn natürlich einige verlängert werden, so ist eine langfristige Sicherheit nicht gegeben. Oft erkennt man dies auch an den Misserfolgen. Brunnen werden gebaut und verwahrlosen nach einigen Jahren. Schulen werden errichtet, müssen aber zusperren, weil kein Geld für die Gehälter des Lehrpersonals vorhanden ist. Dieses „Projektdenken“ ist ein großes Problem, welches die EZA beschäftigt. Doch genau hier liegt die Stärke von Religionsgemeinschaften. Oft in Pfarren verortet, verschwinden die Priester/Brüder/Schwestern nicht von den Einsatzorten nur weil das Projekt abgelaufen ist. Eine NGO würde dann einfach gehen und sich ein neues Projekt suchen. Die Religionsgemeinschaften arbeiten aber langfristig in einer Community. Sie wollen und können nicht einfach gehen, nur weil gewisse finanzielle Ressourcen wegfallen. So müssen sie sich entweder um andere finanzielle Möglichkeiten kümmern oder das Projekt in einer anderen Art und Weise weiterführen.
Verbundenheit
Mit der Langfristigkeit kommt auch eine Verbundenheit und ein Verständnis für die Probleme und Bedürfnisse vor Ort. Eine internationale NGO hat meist nur einen geringen Einblick in die Situation. Da helfen auch noch so viele Assessments nicht. Ein Priester, der jahrelang mit den Menschen vor Ort zusammenarbeitet und lebt, erkennt oft besser, welche Dinge benötigt werden. Das heißt nicht, dass ein Laie nicht auch so eine Verbindung aufbringen könnte, doch es gibt wenige Organisationen, die Ressourcen für ein langfristiges Miteinanderleben bereitstellen (das würde wieder schwer in das Projektdenken passen). Dabei ist es doch essenziell nicht irgendein Projekt zu starten nur weil es gut klingt und es sich gut „verkaufen“ lässt an europäische Spender (eine Sache die nach wie vor sehr häufig passiert). Nur wenn man zielgerichtet und mit den Betroffenen arbeitet, kann die EZA Erfolg versprechen.
KONTRA
Verletzung der Grundsätze
Ein Punkt der sehr oft aufgeführt wird, wenn es um Probleme mit Religion in der EZA geht, ist das Prinzip der Gleichbehandlung. Der Grundsatz in der EZA ist, jeder und jedem soll nach den individuellen Bedürfnissen geholfen werden. Dinge wie Religion, Sexualität, Geschlecht usw. sollen keine Rolle spielen. Ja, auch ich teile persönlich diesen Gedanken und erkenne auch oft Situationen in denen dies nicht 100% funktioniert. Oft passiert es weder wissentlich noch absichtlich, doch natürlich findet ein Priester nach einem Gottesdienst schneller jemanden der in sein Projekt passt, als wenn er wahllos durch das Land zieht. Dies ist jedoch keine aktive Bevorzugung, sondern mehr der Sache geschuldet, dass Priester eher katholische Personen um sich haben als aus anderen Religionen. Dies ist auch schwer zu verhindern und persönlich fällt mir hier auch keine Lösung ein. Jede Person oder Organisation hat einen gewissen Personenkreis in welchem man sich bewegt. Die Frage die sich hier vielleicht eher stellt, ist ob Personen aus anderen Religionen hier aktiv ausgeschlossen werden oder nicht.
Strukturproblem
Jeder der schon mal mit/für die katholische Kirche gearbeitet hat weiß, wie komplex die einzelnen Institutionen ineinandergreifen. Die Verantwortlichkeiten und gegenseitige Kontrollen sind selbst für die Beteiligten oft kaum nachvollziehbar. Meine Aufgabe hier ist z.B. das Verständnis der eigenen Rollen im Orden der Mill Hill Missionaries zu erhöhen. Dies ist schon schwierig genug ohne den Einfluss von Diözese, Vatikan, katholische Geldgeber, Staat usw. mitzuzählen. So ist die Kirche – auch schon durch die Größe – ein sehr schwerfälliger Apparat, dem oft die fehlende Flexibilität fehlt. Meiner Erfahrung nach, ist die Ebene der Pfarre, die Ebene mit dem meisten Spielraum, da Pfarrer/Priester oft sehr autonom arbeiten können. Dennoch ist der Einfluss und die gegenseitige Abhängigkeit oft stärker zu spüren als z.B. in einer privaten NGO.
Dies waren jetzt nur einige Punkte die zum Nachdenken anregen sollten. Diese Liste kann vermutlich noch lange weitergeführt werden. Auch habe ich mich jetzt aufgrund meiner persönlichen Erfahrung stark auf christliche Gemeinschaften fokussiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass ähnliche Muster in allen großen Religionen festzustellen sind. Ein Urteil, ob es jetzt eine gute oder eine schlechte Sache ist, das Religion in der EZA so stark vertreten ist, möchte ich auch nicht abgeben. Was ich aber noch zum Abschluss erwähnen möchte ist, dass die Priester und Ordensleute (sowohl Brüder als auch Schwestern) mich oft faszinieren mit ihrem starken Willen und ihren Tatendrang die sich für die Communities einsetzen. Diese Selbstverständlichkeit, egal zu welcher Tageszeit bereit zu stehen, und sich für die Mitmenschen einzusetzen ist eine Gabe, die ich nicht oft in anderen Menschen sehe.
