In meinen letzten Beiträgen habe ich schon kurz erwähnt, dass man als Mzungu oft als wohlhabend und einflussreich gesehen wird. So kommt es auch relativ häufig vor, dass man nach Geld gefragt wird.

Dies geschieht manchmal sehr direkt und ohne Umschweife. Leute sprechen mich auf der Straße an, greifen sich an den Bauch, sagen sie haben Hunger und strecken die Hand nach Geld aus. Diese Fälle kommen oft sehr plötzlich und unerwartet beim Schlendern durch die Stadt oder beim Einkaufen. Man ist meist so überrumpelt von dieser Direktheit. Man kann auch schwer sagen, ob diese Person wirklich Geld benötigen. Meist wird nur die Gunst der Stunde genutzt. Wenn man schon einen Mzungu sieht, dann nutzt man diese Chance. Schließlich wissen viele, dass wir Weiße Afrika sowieso als den Kontinent (oder das Land für die ganz ungebildetet 😉 ) der Armen sehen. Wir fühlen uns ja auch automatisch besser, wenn wir jemanden vor dem „Hungertod“ retten können – egal ob das wirklich der Fall ist oder wir nur in dem Glauben sind. Ich persönlich ignoriere diese Art von Anfragen prinzipiell. Niemand dem es wirklich schlecht geht, wartet tagelang in der Stadt bis ein Mzungu aufkreuzt, um ihm nach Geld zu fragen.

Die zweite Art finde ich schon schwieriger. Hier kommt, meist in einem geschützten Setting, z.B. nach dem Gottesdienst, eine Person auf dich zu und nimmt dich zur Seite. Dann erzählt dir diese Person von seiner/ihrer ganzen Lebensgeschichte und all den schrecklichen Dingen im Leben. Dabei vergehen oft Minuten, ohne dass direkt nach Geld gefragt wird – auch wenn es offensichtlich ist, worum es geht. So ist es in meiner ersten Woche in Uganda passiert. Nach der Sonntagsmesse kommt ein Mann auf mich zu und erzählt mir, dass seine Frau krank ist, seine Familie aber am Land wohnt und er jetzt Geld benötigt, um den Transport dorthin zu bezahlen. Dabei erklärt er mir im Detail, welche Krankheit sie hat, in welchen Umständen sie leben und wie schwer sein Leben grundsätzlich ist. Hier stand ich nun vor zwei Problemen:

1) Wahrheit
Kann ich sicher sein, dass diese Person die Wahrheit erzählt? Diese Frage muss man sich nicht nur als Mzungu stellen, sondern sie beschäftigt auch die Mill Hill Priester für die ich arbeite. So haben sie von Erlebnissen erzählt, in welchen Personen nach Geld gefragt haben (weil sie angeblich so hungern), und man sie am Nachmittag dann in einem teuren Restaurant trinken gesehen hat. Nur weil eine Person sagt, ihr geht es schlecht, heißt das leider nicht, dass dies der Wahrheit entspricht. Ich möchte damit nicht sagen, dass alle Menschen lügen aber es gibt leider doch viele, die das Mitleid und die Empathie anderer ausnutzen. Unabhängig von der Hautfarbe.
Und selbst wenn man die Geschichte dieser Person glauben schenkt, so ist dies auch noch kein Indiz dafür, dass diese Person deshalb in Geldnot steckt. Ja, es ist möglich, dass seine Frau krank ist aber woher weiß ich, dass diese Person wirklich kein Geld hat sie zu besuchen. Womöglich müsste er aber dafür Geld nutzen, welches er ansonsten in Alkohol oder sonstige Dinge gesteckt hätte. Es gibt keine Beweise.

2. Geldautomat?
Ich bin kein Geldautomat und möchte auch nicht als solcher gesehen werden. Wie ich in meinem Mzungu Beitrag schon beschrieben habe, ist das Bild von Weißen sowieso schon stark geprägt. Wieso sollte ich dieses Bild noch verstärken? Dabei geht es nicht um die Summe – denn ja, meist geht es nicht um viel Geld und ich könnte es mir locker leisten. Doch für mich stellt sich dabei eher eine andere Frage: Wer bin ich, dass ich glaube Gott zu spielen und gewissen Leuten zu helfen und anderen nicht? Ich bin als Einzelperson weder qualifiziert genug, noch sollte es in meiner alleinige Macht stehen, zu entscheiden, welche Person wirklich Unterstützung notwendig hat. Dies ist auch der Grund, wieso ich an NGOs spende. Natürlich könnte ich die gleiche Summe direkt vergeben und dadurch etwaige Administrationskosten vermeiden. Doch ich vertraue darauf, dass die NGO besser als ich entscheiden kann, wo das Geld wirklich gebraucht wird. Ansonsten ist es eine absolute willkürliche Vergabe von Geldern, welche nicht nach Notwendigkeit, sondern nach Nähe zu einem Mzungu vergeben werden.

Ebenso wird dadurch das Bild eines reichen Mzungus der die Welt rettet, reduziert. Es steht nicht eine Person, sondern eine Institution mit Regeln und Kontrollmechanismen im Vordergrund. Die schützt sowohl den Geldgeber als auch den Geldempfänger. Diese Mechanismen sind auch ein Weg, wie persönliche Abhängigkeiten reduziert werden können. So sollte es klar sein, dass es keine „weißen Engel“ gibt, die einem helfen, wenn es einem schlecht geht aber es gibt Institutionen und Mechanismen die – unter gewissen Voraussetzungen – Unterstützung anbieten können. So wie bei uns ein Sozialsystem dann greift, wenn gewisse Voraussetzungen vorhanden sind, so sollte auch die Entwicklungsarbeit arbeiten. Leider ist es nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern im gesamten Sektor nach wie vor der Fall, dass gewisse Personengruppe einfach Glück haben in gewissen Projekten zu sein. Entweder weil sie in einer gewissen Region leben oder weil sie einer besonderen Gruppe (Kinder, Frauen, …) angehören. Gerechte Entwicklungszusammenarbeit wäre dann vorhanden, wenn jede Person Unterstützung bekommt, wenn die Voraussetzungen und Notwendigkeiten vorhanden wären. Aber dies ist noch Zukunftsmusik…

Was habe ich jetzt aber in meinem Fall mit diesem Mann gemacht? Nun genau das, was ich im letzten Absatz beschrieben habe. Ich habe auf persönlicher Ebene ’nein‘ gesagt. Ich kann und will nicht der direkte Geldautomat sein. Aber ich habe auch ‚ja‘ gesagt, indem ich ihn nicht abgewimmelt oder fortgeschickt habe, sondern ihn an Projekte oder Hilfsstellen verwiesen habe. Ich habe ihm Kontakt zur örtlichen Caritas gegeben mit dem Hinweis, dass die sicher besser und effektiver helfen, als ich es je könnte. Ob dies der richtige Weg ist? Ich weiß es nicht. Aber er hilft mir, einerseits Armut aktiv zu sehen und meinen Beitrag zur Reduzierung zu leisten und gleichzeitig mich als Privatperson zu schützen.