Nun diese Frage ist nicht einfach zu beantworten und schon gar nicht gibt es die eine (richtige) Antwort. Der Sektor ist höchst komplex, mit mehr Ausnahmen als Regeln und auch noch Länder- und Regionsspezifisch. Ich möchte euch anhand meines Einsatzes dennoch aufzeigen, wie Entwicklungszusammenarbeit funktionieren kann.

Die „klassische“ Entwicklungszusammenarbeit, welche den meisten Leuten aus der Werbung usw. bekannt ist, funktioniert wie folgt: Eine NGO (wie z.B. Caritas) sammelt Spenden und setzt damit Projekte in Ländern des globalen Südens (früher hat man diese als Dritte Welt oder Entwicklungsländer bezeichnet) um. Die Umsetzung läuft meist über Projektpartner, also lokale Einrichtungen, NGOs, Kirchen usw.. Die Vorstellung, das Österreicher:innen irgendwo hinfahren und dort vor Ort selbst Brunnen bauen oder Schulen errichten ist eine überholte und findet man kaum mehr in der Entwicklungszusammenarbeit. Hingegen wird ein starker Fokus auf langfristige Partnerschaften zwischen NGOs im globalen Norden mit den NGOs im globalen Süden gesetzt.

So funktioniert es in meinem Einsatz grundsätzlich auch: Meine Projektpartner sind die Mill Hill Missionaries. Diese (lokale) Organisation setzt mit Geldern von österreichischen Organisationen (in diesem Fall Caritas, Brüder und Schwestern in Not und Missio) Projekte in Uganda um. Dabei sind die Mill Hill Missionaries die ausführende Partei und die österreichischen Organisationen sind für die finanzielle Bereitstellung verantwortlich. Grundsätzlich ist diese Partnerschaft gedacht als eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Die lokale Organisation sollten als Experten die inhaltliche Verantwortung tragen, wohingegen die österreichischen Organisationen die finanziellen oder Wissenressourcen zur Verfügung stellen. Diese gleichberechtigte Kooperation klingt in der Theorie gut – in der Realität findet man diese nicht immer. Ich habe einige Projekte auch abgesehen von denen der Mill Hill Missionaries besucht und oft ist eine klare Hierarchie zu bemerken. Geld schafft nun mal an und das merkt man auch in der Entwicklungszusammenarbeit. So trifft der Bereich der „Accountability“ oft die Projektpartner unverhältnismäßig stärker als die Geldgeber. Ich habe noch nie von einem Fall gehört, in welchem der Geldgeber in der Verantwortung stand, weil z.B. ein Projekt nicht richtig geplant wurde. Projektpartner hingegen müssen viele Auflagen erfüllen die oft kaum umzusetzen sind und wenig mit der Lebensrealität zu tun hat. Es müssen europäische Vorlagen, Berichte, Abrechnungen und und und geliefert werden. Bei größeren Verfehlen wird die Partnerschaft gekündigt. Das Projekte oder Ansätze aus Europa geplant werden, nicht funktionieren und dann den Projektpartnern vorgeworfen wird ist schon oft genug passiert.

Jetzt sind vermutlich viele der Meinung, dass, wenn wir Gelder aus Europa hergeben, wir ja wohl auch bestimmen können wie diese eingesetzt werden. Grundsätzlich ja – außer wir wollen, dass Entwicklungszusammenarbeit ein Erfolg ist. Wir kennen die Probleme nicht und können schon gar nicht planen, welche Maßnahmen Erfolg bringen. Wir in Europa müssen erstens auf die Expertise, Erfahrung und das Feingefühl der lokalen Partner bauen und zweitens – und das ist ein Wunsch für die Zukunft – ihnen mehr Freiheiten geben. Die Projektbudgets sind oft sehr eng bemessen und lassen wenig Spielraum für innovative Ansätze oder umstandsbedingte Änderungen. Freie Budgets könnten hier eine Abhilfe schaffen, in welchen man Geld zur freien Nutzung zur Verfügung stellt. So können langfristig die Partner stärker unterstützt werden, die mit ihren „freien“ Gelder bessere oder kreativere Ergebnisse erbringen. Doch diese Freiheit würde wahrscheinlich von wenigen Spendern akzeptiert werden und politisch wäre der Staat vermutlich auch nicht glücklich über diesen Ansatz. Und das führt uns zu der zweiten Säule der Geldgeber: die öffentliche Hand:

Nun, Gelder vom Staat waren lange ein Problem für viele Organisationen. Öffentliche Gelder sind schwer zu bekommen und mit enormen Aufwand verbunden. Eigentlich wenn man darüber nachdenkt, ist das Verhältnis ähnlich wie das der lokalen NGOs mit den NGOs in Österreich. Es ist grundsätzlich viel Geld vorhanden, doch der Aufwand ist oft kaum zu bewältigen beziehungsweise das Wissen diese zu bekommen ist nur beschränkt vorhanden. Um trotzdem öffentliche Gelder zu bekommen haben viele katholische Organisationen beschlossen, dies zusammen zu tun. Dies ist einer der Hauptbereiche von horizont3000. Horizont3000 ist eine unabhängige Organisation die aber sogenannte member organisations hat. Diese sind viele bekannte katholische Organisationen die im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit unterwegs sind. Horizont3000 sammelt also keine Spenden (wie die member organisations), sondern finanziert sich über deren Beiträgen und aus öffentlichen Geldern. Diese kommen von Stiftungen, der EU oder aber der österreichischen Bundesregierung. Hier wirkt die ADA (Austrian Development Agency) als ausführende Agentur des Außenministeriums als Ansprechpartner und Geldgeber. Mit diesen Geldern finanziert horizont3000 dann auch Projektpartner (meist in Absprache mit den member organisations).

Der letzte Teil ist nun der, der mich betrifft. Wissenstransfer und die Entsendung von Fachpersonal ist zwar umstritten (und ich selbst zweifle auch manchmal daran) aber es ist dennoch ein fester Bestandteil in der Entwicklungszusammenarbeit. Allerdings ist diese Entsendung mit einem hohen finanziellem und organisatorischem Aufwand verbunden, sodass horizont3000 auch diesen Bereich übernimmt. Oft läuft es so ab, dass Projektpartner entweder zusammen mit den member organisations oder direkt zu horizont3000 den Wunsch äußern ein Advisor (also Fachpersonal) zu bekommen. Dieser Advisor soll in einer gewissen Fachrichtung für zwei Jahre unterstützend wirken und fachliche Kompetenzen vor Ort aufbauen. Die Bereiche sind sehr vielfältig. Von Solartechnik über Fundraising, Kommunikation, Krankenhausmanagement bis zu – wie in meinem Fall – Projekt- und Organisationsentwicklung. So ist meine Situation die folgende: Ich bin bei horizont3000 angestellt und versichert. Finanziert wird mein Einsatz größtenteils über öffentliche Gelder, bereitgestellt von der ADA sowie Beiträge der member organisations (also Spenden von Privatpersonen). Inhaltlich arbeite ich aber für die Projektpartner. Diese sind für mich weisungsbefugt sowie das Zentrum meiner Arbeit.

Wer jetzt noch nicht verwirrt ist dem gebührt großen Respekt. Ich selbst habe lange gebraucht, um zu verstehen wie alles zusammenhängt. Auch bemerke ich in meiner Arbeit, dass durch die hohe Anzahl an Stakeholders, es oft nicht einfach ist. Ich muss daran denken, was die Projektpartner brauchen, die member organisations verlangen, horizont3000 gerne hätte und die ADA vorgibt. Oft weiß man nicht, für wen man dann eigentlich arbeitet. Grundsätzlich sollten das ja die Personen sein, die von den Projekte profitieren. Doch diese philosophische Frage ist eine Frage für ein andermal.

Schematische Darstellung meines Einsatzes.