Wenn man in ein neues Land reist, muss man sich an vieles gewöhnen. Neues Essen, neue Sprache, neue Musik und und und. Doch solange man sich in Europa bewegt, sind die Unterschiede oft nur oberflächlich, da die grundlegenden kulturellen Wurzeln oft sehr ähnliche sind. Anders ist meine Erfahrung hier am afrikanischen Kontinent. Hier sind nicht nur die sichtbaren kulturellen Unterschiede groß, sondern auch die zugrundeliegenden Werte. Oft bemerkt man das nicht, selbst wenn man hier länger Zeit verbringt.

Ich habe vor kurzem mein eigenes kleines Heim in Moroto bezogen. Zusätzlich zur Unterkunft habe ich auch eine Haushaltshilfe. Direkt nach meinem Einzug hat Gloria sich bei mir vorgestellt und erklärt welche Tätigkeiten sie alles übernimmt. Vom Putzen, über Wäsche waschen, Bett neu beziehen, Geschirr abwaschen bis zum Kochen – ein Rundumservice. Ich habe ihr erklärt, dass ich gerne selbst koche und sie das nicht übernehmen muss. Dies hat sie, mit einem argwöhnischen Blick, soweit akzeptiert. Auch wenn es hier „Standard“ ist, dass man jemanden hat, der im Haushalt hilft, so ist es mir dennoch unangenehm und fremd. Seit meinem Schulabschluss lebe ich allein und kümmere mich auch selbstständig um meinen Haushalt. Ich bin es gewohnt, gewisse Dinge irgendwo abzustellen und sie dort auch wieder zu finden. Normalerweise räumt niemand für mich weg. So war es die ersten Male auch sehr seltsam für mich, dass jemand meine Wäsche nimmt, sie mit der Hand wäscht, trocknet und mir gebügelt und gefaltet wieder in meinen Kleiderkasten verräumt. Ich hatte bis zu meiner Ankunft in Uganda noch nie gebügelte Socken oder Unterhosen!

Besonders ist mir der Unterschied aber an einem Tag aufgefallen. Gloria musste gehen, da ihre Kinder krank waren und ins Krankenhaus mussten (Malaria). Ich habe sie deswegen früher nach Hause geschickt, damit sie sich um die Kinder kümmern konnte. Sie nahm das Angebot nur widerwillig an. Am nächsten Tag kommt sie wieder und steht verwundert vor sauberem Geschirr. Sie fragt mich wer den Abwasch für mich gemacht hatte. Sie hatte wohl Angst, dass ich noch jemanden anderen als Haushaltshilfe hätte (oder sie vielleicht sogar ersetzen möchte). Ich erwidere darauf hin, dass ich selbst abgewaschen habe. Sie schaut mich nur ungläubig an. Ich erzähl ihr, dass ich in Europa auch immer den Abwasch mache. „Aber du bist doch ein Mann und Männer waschen nicht ab.“ Ich stutze kurz und erkläre, dass das ganz normal in Europa ist und sie antwortet, dass es Männern hier peinlich wäre, wenn sie selbst abwaschen müssten. Dafür hat man ja eine Haushaltshilfe.

Diese Geschichte zeigt, wie unterschiedlich gewisse Kulturen sein können. Das ist jetzt nur die Geschichte einer Frau mit einer Sichtweise, aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele Personen (besonders im ländlichen Raum) diese Sichtweise teilen – egal ob Männer oder Frauen. Für mich ist auf jeden Fall eine Anpassung und eine gewisse Akzeptanz notwendig. Gleichzeitig werde ich aber versuchen, gewisse Rollenverständnisse, die nicht den meinen entsprechen, zu durchbrechen. Dabei geht es nicht darum, dass ich meine Wertvorstellungen besser finde als ihre, sondern ihnen auch meine zeige.

Hier in der Region ist es üblich, dass Frauen bei der Begrüßung von Männern sich verbeugen oder einen Knicks machen. Dies wird hier als Zeichen von Respekt gesehen. Meine Strategie ist es (vor allem bei jungen Schulmädchen) auch einen Knicks zu machen. Dies bringt sie häufig aus der Fassung und man kann sofort gemeinsam lachen. Außerdem schaffe ich es gleichzeitig uns auf eine Ebene zu bringen, indem ich einerseits, ihr den gleichen Respekt entgegenbringe den sie mir entgegenbringt und andererseits ich aus den klassischen Rollenbilder ausbreche (ein Mann würde das normalerweise nicht tun). Ich weiß nicht, ob diese Strategie eine gute oder für jeden anwendbar ist. Zurzeit funktioniert sie für mich aber. Es sind oft die Kleinigkeiten, die dabei helfen, die eigene Weltanschauung zu hinterfragen. Das gilt sowohl für mich als auch für andere mit denen ich interagiere.