Zuhause ist es doch am schönsten. So lautet zumindest ein altbekannter Spruch. So habe ich nun nach über einem Monat in Uganda ein eigenes kleines Häuschen in Moroto bezogen. Wieso gerade Moroto werden jetzt einige Fragen? Nun, ich hatte mit dieser Entscheidung eigentlich nichts zu tun. Karamoja hat nach wie vor einen schlechten Ruf was die Sicherheitslage angeht (meiner Meinung etwas ungerechtfertigt). So hat horizont3000 mit geraten, in Moroto eine Unterkunft zu finden. Einerseits da Moroto eine (relativ) gute Infrastruktur hat, andererseits weil es eine sehr sichere Stadt ist.
In meinen ersten Tagen in Moroto bin ich ohne Ziel durch die Stadt spaziert. Um Land und Leute kennenzulernen, genieße ich oft das Herumschlendern und das Beobachten meiner Umgebung. An diesem angenehmen Sommertag ist mir eines aufgefallen. Die Stadt Moroto ist gefüllt von NGOs und UN-Agenturen. Angefangen von der deutschen GIZ über Welthungerhilfe, das Ugandische Rote Kreuz oder USAID. Vor jedem zweitem Haus steht ein großes Schild, auf welchem eine Organisation beziehungsweise ein Land sich selbst repräsentiert. Auch die UNO hat ein eigenes abgesichertes Viertel. Insgesamt acht! UN-Agenturen sind alleine auf dem Schild am Eingang verewigt: WFP (World Food Programme), UNDSS (United Nations Department of Safety and Security), UNFPA (United Nations Population Fund), UNDP (United Nations Development Programme), UNOHCHR (UN Office of High Commissioner for Human Rights), UNICEF (United Nations Children’s Fund), United Nations Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women und die WHO (World Health Organization). Dieser Akronymdschungel hat dazu geführt, dass ich mich im Internet erstmal schlau machen musste, was genau die einzelnen Agenturen so machen. Ich muss nämlich zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht alle gekannt hatte. Es zeigt aber auch ein großes Problem in der Entwicklungszusammenarbeit: Es machen irgendwie alle, der Effekt ist aber nicht immer erkennbar.
Moroto wird nicht umsonst von den Einheimischen oft NGO Stadt genannt. Diese (Über-)präsenz ist jedoch kein Einzelfall. Städte oder ganze Gebiete wie diese findet man überall in Afrika. Im Südsudan baut in einigen Gebieten inzwischen ein Großteil der Wirtschaft auf den Sektor Entwicklungszusammenarbeit auf. Es ist ein Sinnbild für die Abhängigkeit, in der sich einige Länder befinden. Ich bin der Meinung, dass in humanitären Notfällen eine starke Präsenz – und damit hoffentlich eine schnelle Linderung der Not der Betroffenen – durchaus sinnvoll ist. Aber diese Dauerpräsenz im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit scheint nicht die gewünschte Veränderung mit sich zu bringen.
Einerseits wird wie schon kurz erwähnt oft die heimische Wirtschaft verzerrt und unterdrückt. Auch hier in Moroto spürt man das. Mieten sind um einiges höher in der Stadt als in anderen Städten. Wieso? Weil die NGOs erstens bereit sind diesen Preis ohne Probleme zu zahlen und zweitens, weil sie auch gewisse Anforderungen haben (höhere Sicherheit, bessere Infrastruktur etc.). Dies führt jedoch dazu, dass leistbarer Wohnraum für die Bevölkerung knapp wird. Jeder baut und vermietet lieber teurer an eine NGO – wo die Wahrscheinlichkeit einer Nichtzahlung sehr gering ist. Aber nicht nur die Mieten sind betroffen. Gastronomie, Serviceleistungen und so weiter. Der Umfang steigt bei höherem NGO-Anteil immer mehr. Stichwort: Gentrifizierung.
Andererseits wird durch diese Überpräsenz der Politik die Verantwortlichkeit entzogen. Wieso sollte eine Regierung Schulen bauen, wenn NGOs dies für sie machen. So ist es eine gemütliche Situation, in der sich die Verwaltung und die Politik in vielen afrikanischen Ländern bewegen. Sie bekommen einerseits direkt viel Geld von den Staaten, welche zwar für gewisse Bereiche gedacht sind, aber dann doch oft in irgendwelche Verwaltungsstrukturen verschwinden. Gleichzeitig wird die Bevölkerung aber bei Laune gehalten, da diese von den Projekten der NGOs profitieren, wodurch der Wunsch nach Widerstand gegen eine untätige Regierung sinkt.
Diese negativen Nebenwirkungen einer eigentlich „guten“ Sache sind oft schwer zu verstehen, besonders wenn Armut nach wie vor überall erkennbar ist. Auch arbeiten diese Organisationen manchmal aus ihrem Elfenbeinturm heraus und erkennen meist nicht, dass die gewünschten Veränderungen nicht oder nur sehr langsam eintreten. Ich bin nun auch (leider) ein Teil davon. Mir ist bewusst, dass ich einen höheren Lebensstandard und ein höheres Einkommen als die meisten hier habe. Selbst wenn ich bei den Mill Hill Missionaries in Loyoro und Karamoja wohne, lebe ich vergleichsweise besser (trotz aller Defizite, die wir aus Österreich vielleicht feststellen würde). Allerdings bin ich auch nicht der Meinung, dass man selbst arm sein muss, um etwas dagegen zu tun oder sich dazu zu äußern. Doch wenn der Wunsch, nach partizipativer und eigenständiger Veränderung wirklich im Vordergrund steht, dann müssen die Organisationen weg aus diesen NGO Zentren und näher zu Leuten. Die Mill Hill Missionaries sind dabei das beste Beispiel. Ihre Pfarren und Außenstationen sind oft am Land, wo sonst wenig Infrastruktur vorhanden ist. Durch diese Nähe und den Austausch, ist es viel leichter zu erkennen, wo Probleme auftreten und was man dagegen tun könnte. Hier hilft auch kein regelmäßiges Assessment, wo man für eine Woche in irgendein Dorf fährt und mal fragt was so los ist. Diese Art einer echten Zusammenarbeit kann nur mittels dauerhafter Präsenz, ständigen Austausch und einem regen Miteinander entstehen. Die Entwicklungszusammenarbeit muss sich selbst weiterentwickeln, um die Anforderungen der Zeit und der Bevölkerung gerecht zu werden.
