Die globale Entwicklungslandschaft ist im Wandel. Über Jahrzehnte hinweg galten traditionelle ODA (official development assistance)-Geber wie Europa oder die USA als die treibenden Kräfte internationaler Entwicklungspolitik. Doch in den letzten Jahren hat China seinen Fuß in die Tür gedrückt – zunächst als großzügiger Geldgeber. Auch hier in Uganda bemerkt man den Einfluss Chinas immer mehr – vor allem dort, wo Europa und die USA die Mittel kürzen. China hat seinen Fokus besonders auf die Vergabe von Krediten gelegt. Wo die klassischen Geldgeber oft in Projekte investiert haben wo viele Ressourcen in die Planung, Umsetzung und Evaluierung gesteckt wurden, wählte China den unbürokratischeren Weg. Hohe Kredite für Länder, vor allem in Afrika, zur Förderung von Infrastruktur. Mit diesen Gelder wurde alles mögliche gebaut: Kraftwerke, Straßen, Eisenbahnen – viele Infrastrukturprojekte wurden und werden immer noch so finanziert. Doch was hat es mit der chinesischen Strategie auf sich und ist es wirklich die Lösung der Entwicklungszusammenarbeit?

Ein Wandel in der Kreditkultur

In den frühen 2000er Jahren war China noch ein relativ kleiner Akteur in der internationalen Kreditvergabe. Schnell jedoch explodierte dessen Präsenz: Bis 2016 vergaben chinesische staatliche Banken jährlich über 50 Milliarden US-Dollar an neuen Krediten – mehr als alle westlichen Kreditgeber zusammen.1 Entwicklungsländer wie Kenia, Sambia und Äthiopien nutzten diese scheinbar lockeren Konditionen, um groß angelegte Infrastrukturprojekte zu finanzieren. Das Versprechen war verführerisch: Schnelle, unkomplizierte Mittel ohne die oft strengen politischen Auflagen des westlichen Modells sollten Entwicklungsschritte beflügeln.

Doch das Bild änderte sich schnell. Während anfänglich Milliarden in Projekte flossen, verwandelt sich China zunehmend von einem großzügigen Geldgeber zu einem Schuldeneintreiber. Zwischen 2016 und 2020 vergab China insgesamt Kredite im Volumen von rund 450 Milliarden US-Dollar an Entwicklungsländer. Im Jahr 2023 jedoch belief sich die Neuvergabekreditsumme auf lediglich 4,4 Milliarden US-Dollar – während China gleichzeitig 10,36 Milliarden US-Dollar an Rückzahlungen einsammelte. Prognosen deuten darauf hin, dass in diesem Jahr rund 22 Milliarden US-Dollar an Zinsen und Tilgungsleistungen fällig werden. Diese dramatische Verschiebung im Modell unterstreicht den grundlegenden Wandel: Aus großzügigen Investitionen wird ein straff organisiertes Rückzahlungsregime und Entwicklungszusammenarbeit zu einem Geschäft.

Die Schattenseiten am Beispiel Kenia

Ein Beispiel hierfür findet man in Kenia. Dort verursachten geplante Steuererhöhungen, die im Rahmen der „Finance Bill 2024“ eingeführt werden sollten – als direkte Maßnahme zur Bedienung einer Schuldenlast in Höhe von 80 Milliarden US-Dollar – zu Aufständen der Bevölkerung und einer politischen Krise. Großprojekte wie die Mombasa-Nairobi Standard Gauge Railway – finanziert über 5,3 Milliarden US-Dollar – entpuppte sich als finanzieller Fehlgriff: Die tatsächlichen Einnahmen reichten nicht einmal aus, um die Betriebskosten zu decken, geschweige denn die Rückzahlungen zu leisten. Letztlich musste Kenia mittlerweile rund 20 Prozent seiner Steuereinnahmen für Schuldendienstzahlungen aufwenden – ein Anteil, der weit über dem liegt, was einem ausgeglichenes Budget entspricht. Die Ereignisse in Kenia sind ein warnendes Beispiel dafür, wie schnell Finanzierungsmodelle, die anfangs als Rettung erscheinen, in gesellschaftliche und politische Krisen umschlagen können.

Auch in Uganda, zeigt sich die chinesische Präsenz immer wieder. Auf der einen Seite eröffnen die unbürokratischen und oft kurzfristig verfügbaren Mittel neue Möglichkeiten. Diverse Kooperationsverträge mit chinesischen Unternehmen haben zur Errichtung moderner Straßen und Fabriken geführt, die für das Land zuvor undenkbar gewesen wären. Seit Jahren zählt China zu den größten ausländischen Investoren Ugandas und bietet damit eine Alternative zu westlichen Förderprogrammen, die oft strengere Auflagen und langwierige Bürokratie mit sich bringen.2 Andererseits bergen diese Finanzierungsquellen erhebliche Risiken. Die Rückzahlungsverpflichtungen, die anfangs als finanzielle Chance präsentiert wurden, führen in der Praxis zu einer drückenderen Schuldenlast. Fehlende langfristige Strategien und mangelnde Transparenz in den Kreditverträgen können eine wirtschaftliche Abhängigkeit hervorrufen, die die Souveränität des Landes nachhaltig beeinträchtigt – ähnlich wie es sich in Kenia manifestiert hat.

Retter oder Killer?

Die grundlegende Frage, ob China als „Retter“ oder als „Killer“ in der Entwicklungszusammenarbeit zu bewerten ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen chinesische Investitionen dringend benötigte Infrastrukturprojekte in Gang gesetzt haben. Für Staaten, die in Sachen heimischer Finanzierungsmöglichkeiten am Ende der Kräfte sind, können diese Kredite einen wichtigen Impuls liefern – und so den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung ebnen.

Doch gleichzeitig zeigt sich immer deutlicher, dass der Preiskurs, den viele Länder zahlen müssen, um diese Mittel zu erhalten, langfristig ihre Handlungsspielräume einschränkt. Die Tatsache, dass China mittlerweile als größter Empfänger von Schuldendienstzahlungen unter den Entwicklungsländern gilt und in den vulnerabelsten Regionen bis zu einem Viertel der Schuldendienstkosten ausmacht, ist alarmierend. Es stellt einerseits die Motivation Chinas in Frage (ob nicht doch mehr Eigeninteresse als langfristige Entwicklung im Vordergrund steht), andererseits auch den tatsächlichen positiven Effekt solcher Kredite.

Globale Kohärenz

Die strategische Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit muss in einem globalen Kontext neu gedacht werden. Traditionelle Geberinstitutionen wie der Pariser Club kehren langsam zurück in den Wettbewerb; ihre stabileren und oftmals strenger regulierten Kreditvergabepraktiken bieten ein Gegengewicht zu den riskanten Modellen Chinas; sind jedoch oft nicht so attraktiv. Entscheidend wird dabei sein, die unterschiedlichen Modelle nicht nur gegeneinander auszuspielen, sondern eine kohärente internationale Zusammenarbeit zu fördern, in der politische Verantwortlichkeit und transparente Kreditvergabe Hand in Hand gehen.

Es braucht klare Rückzahlungsmodalitäten, transparente Kreditvergabe und langfristige Strategien – sowohl von Seiten der Geber als auch der Empfänger. Nur so wird es gelingen, die Chancen aus der Entwicklungsfinanzierung auszuschöpfen und gleichzeitig die Risiken, die Länder in eine Schuldfalle führen, zu minimieren. Letztlich geht es dabei immer um den Menschen: Denjenigen, die unter den Folgen von Schuldenlasten leiden, aber auch um jene, die von einer gelungenen Infrastruktur und nachhaltigen Entwicklungsprojekten profitieren könnten. China hat selbst gezeigt, wie sinnvolle politische Maßnahmen und die richtigen Investitionen zu wirtschaftlichen Aufschwung führen kann. Die große Frage bleibt, ob sie es schaffen dieses Ergebnis in Afrika zu kopieren.

1 finanzmarktwelt.de China: Geldeintreiber statt Entwicklungshilfe
2 businesstimesug.com China’s investment in Uganda hits over sh3 trillion – Business Times