Kulturelle Skarifizierung ist ein Thema, das für viele Menschen aus Europa erstmal schwer nachvollziehbar ist. Skarifizierung nennt man den Vorgang, wenn vorsätzlich Narben in die Haut gebracht werden, die der Zierde dienen soll. Dabei wird häufig ein vorher definiertes Muster in die Haut geschnitten und anschließend die Wundheilung immer wieder verzögert und gestört um permanente Narben zu erzeugen. Was für manche wie Selbstverletzung aussieht, ist für andere ein jahrhundertealtes Symbol von Zugehörigkeit, Stolz, Identität und Schönheit.

Hier im Norden Ugandas, insbesondere unter den Karamojong, begegne ich diesem Phänomen regelmäßig. Manche Narben springen einem sofort ins Auge, andere entdeckt man erst bei genauerem Hinsehen. Die Muster sind unterschiedlich, mal eher geometrisch, mal fast zufällig. Doch selten sind sie ohne Bedeutung. Skarifizierung wird traditionell zu verschiedenen Anlässen vorgenommen. Oft ist sie Teil eines Initiationsrituals, ein Zeichen des Erwachsenwerdens oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Community. Früher war sie auch ein Mittel, sich als Karamojong zu kennzeichnen (die früher vor allem Nomaden und Krieger waren) – sichtbar, dauerhaft, unauslöschlich.

In einer Region, in der das gesprochene Wort durch ständige Migration, Konflikte oder Sprachbarrieren nicht immer ausreicht, übernimmt die Haut selbst die Rolle des Erzählers. Manchmal stehen die Narben auch für Mut, erlittene Schmerzen oder vergangene Kämpfe. Im Kinofilm „Black Panther“ hat die von Michael B. Jordan gespielte Figur viele Narben auf dem Oberkörper – entsprechend der Anzahl der getöteten Feinde. Diese Darstellung ist keine Fantasie von Hollywood. Diese Art der Skarifizierung gibt es nach wie vor und wir von besonders siegreichen Kriegern nach wie vor praktiziert.

Michael B. Jordan in Black Panther – Marvel Studios

Wenn man mit jungen Menschen ins Gespräch kommt, dann erzählen manche stolz davon, wie sie die Skarifizierung erlebt haben. Nicht selten ist sie mit Schmerzen verbunden, mit Druck von Gleichaltrigen oder Erwartungen aus der Familie. Einige lachen dabei, andere bleiben ernst. Es ist eine Mischung aus Stolz, Respekt und vielleicht auch ein bisschen Widerspruch, den man aus ihren Erzählungen herausliest. Was für mich von außen manchmal schwer auszuhalten ist – das Bild eines Kindes oder Jugendlichen mit frischen Wunden, die absichtlich zugefügt wurden – ist für andere ein bedeutender Schritt im Leben, eine Auszeichnung.

Doch wie vieles hier, ist auch diese Tradition im Wandel. Während viele Ältere ihre Narben mit Stolz tragen, sehe ich bei der jungen Generation auch einen Bruch. Manche erzählen mir, dass sie sich dagegen entschieden haben. Dass sie Angst hatten. Oder dass sie die Tradition nicht mehr verstehen. Andere wiederum wünschen sich, eine bestimmte Narbe tragen zu dürfen – weil sie damit zeigen wollen, dass sie dazugehören. Natürlich bleibt die Frage: Muss das sein? Braucht es Schmerzen, um Zugehörigkeit zu zeigen? Und ist das nicht eine Form von Zwang, die wir heute hinterfragen sollten? Ich habe auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Aber ich habe gelernt, nicht vorschnell zu urteilen. Was für uns befremdlich oder gar gefährlich klingt, hat in einem anderen kulturellen Kontext oft eine ganz andere Bedeutung.

Das bedeutet nicht, dass man alles gutheißen muss. Gleichzeitig sollte aber nicht der moralische Zeigefinger aus dem global Norden über allem schweben. Denn unsere eigene Geschichte ist voll von Praktiken, die wir heute hinterfragen – Korsette, Schönheitsoperationen, sogar Tätowierungen, die früher als verpönt galten und heute in allen Schichten der Gesellschaft anzutreffen sind. Gerade wenn junge Menschen unter Gruppenzwang oder sozialen Druck geraten, braucht es jedoch Räume für Diskussion. Meine Projektpartner – die Mill Hill Missionaries – schaffen es in einem ihrer Projekte genau solche Räume zu schaffen. In Kleingruppen (meist junge Frauen oder Jugendliche) tauschen sie sich über Schwierigkeiten in ihren Leben aus. Thematisch ist alles dabei von HIV, über Alkoholprobleme bis hin zu Skarifizierung. Dieser Austausch hilft den Frauen, über kulturelle Gewohnheiten ernst zu reflektieren und auch eine Entscheidung für oder gegen etwas zu treffen. Das ist der Kern der Sache: die Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen. Am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, ob etwas gut oder schlecht ist, sondern darum einander zuzuhören. Geschichten hinter den Narben zu hören. Und zu verstehen, dass Identität viele Gesichter hat – manchmal eben auch gezeichnete.

African scarification 1940s by John Atherton – wiki commons